Die Grünfläche Ecke Ludolfingerweg / Alemannenstraße und die Geschichte der Familien Rudolphson und Herzfeld
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Carsten Benke (vorläufiger Entwurf, Stand Januar 2026)
Frohnau verfügt neben seinen bekannten großen Plätzen (Ludolfingerplatz, Zeltinger Platz) und Parkanlagen (Rosenanger, Lesserpark) über eine Vielzahl kleiner Grünflächen. (Siehe Artikel von Ellen Walther im Newsletter) Diese Anlagen verdienen nicht nur hinsichtlich ihrer Pflege und Gestaltung, sondern auch im Hinblick auf ihre Geschichte und die Schicksale ihrer Anwohnerinnen und Anwohner mehr Aufmerksamkeit.
Grünfläche Ecke Ludolfingerweg / Alemannenstraße
An der Ecke Ludolfingerweg / Alemannenstraße befindet sich eine namenlose rechteckige Grünfläche. Seit den Anfangstagen der Gartenstadt wurde dieser Bereich von der Berliner Terrain-Centrale als Gartenanlage mit Rosenbeeten und Rasenflächen gestaltet und – mehr oder weniger intensiv – auch später vom Bezirksamt Reinickendorf gepflegt. Interessanterweise wurde der Bereich weder im Bebauungsplan von 1910 noch im aktuellen Plan von 2004 (XX-23q) als öffentliche Grünfläche ausgewiesen, sondern ist rechtlich Teil des Straßenlandes.
Gleichwohl existieren schon aus der Zeit um 1914 Bilder, die hier eine schön gestaltete Grünanlage zeigen. Ob die Ursprungsanlage vom Gartenarchitekten der B.T.C., Ludwig Lesser, gestaltet wurde, ist unbekannt, aber wahrscheinlich. Aktuell hat sich in Absprache mit dem Straßen- und Grünflächenamt eine Projektgruppe der AG Grün des Bürgervereins zusammengefunden, die die Grünflächenpflege ehrenamtlich unterstützt. (Kontakt: Ellen Walther)
Um 1914 wurde die Anlage von einem prachtvollen Ensemble von Landhäusern eingerahmt. Um die Bewohner und Architekten dieser Bauten soll es im Folgenden gehen.
Betrachtet man das Ensemble aus der Zeit um 1914, fällt auf, dass es insbesondere auf der Nordseite zu weiten Teilen zerstört ist. Frohnau hat keinesfalls so unbeschädigt die letzten 115 Jahre überstanden, wie es dem heutigen Betrachter erscheinen mag. Es gab sowohl im Zentrum der Gartenstadt als auch in den Wohnstraßen schmerzhafte Verluste durch den Krieg und insbesondere die Entwicklung der Nachkriegszeit (Abriss zahlreicher Landhäuser, des Welfenhofes von Paul Poser und des Direktorenwohnhauses von Heinrich Straumer).
Im Bereich um die Alemannenstraße sind wohl zwischen 1943 und 1945 einige Fliegerbomben niedergegangen. Die fehlende Bausubstanz (u.a. Nr. 40/42 und Nr. 36) ist aber wohl eher gezielten Abrissen geschuldet. Inzwischen wurde bereits ein späterer Nachfolgebau (Nr. 36) des ursprünglichen Landhauses wieder abgerissen und ein Neubau ist in Ausführung. Vom abgebildeten Ensemble existiert einzig der mittlere Bau mit der Nummer 38 noch. Zerstört wurden in diesem Bereich jedoch nicht nur Bauten, sondern auch Familienschicksale und Leben.

Nur das mittlere Haus ist erhalten. Links das Haus der Familie Herzfeld: heute findet sich hier ein Bauteil des Seniorenheims Haus Friedenshöhe. Rechts ist aktuell ein Neubau in Vorbereitung.

Familie Herzfeld
An der nordwestlichen Ecke der Grünfläche vor dem Grundstück Ludolfingerweg 40/42 befindet sich ein Stolperstein für Rudolf Herzfeld. Bei Recherchen stellte sich heraus, dass hier jedoch ein Fehler vorliegt.
Aktuell wird vor dem Gebäude Ludolfingerweg 40/42 (Franziskanerweg 19-21) Rudolf Herzfelds, geboren am 7. August 1895 in Horn (Kreis Lippe), ermordet am 25. November 1941 im litauischen Kaunas/Kowno, mit einem Stolperstein gedacht.
Im jüdischen Adressbuch für Groß-Berlin von 1931/32 werden drei Personen mit Namen „Rudolf Herzfeld“ erwähnt.
Herzfeld, Rudolf, W 59, Ansbacher Str. 26 (heute 44/46)
Herzfeld, Rudolf, Frohnau Franziskanerweg 19-21
Herzfeld, Dr. Rudolf, Reg.-Bmstr. W 15, Schlüterstraße 42
Der auf dem Stolperstein im Ludolfingerweg genannte „Herzfeld (geb. 1895)“ ist fraglos ein Opfer des Holocaust, dessen am richtigen Ort gedacht werden muss. Er kann nach dem Stand der Recherche jedoch nicht der am Ludolfingerweg ansässige Rudolf Herzfeld sein.
Mehrere schriftliche Quellen weisen darauf hin, dass am Franziskaner Weg ein Rudolf Herzfeld lebte, der am 22. September 1878 in Hannover geboren wurde und in Berlin als Kaufmann und Bankier arbeitete. Er hatte während der Weimarer Zeit ein Bankgeschäft in der Straße Unter den Linden 56. Nach 1933 wurde Herzfeld wegen angeblicher Devisenvergehen verfolgt und floh in die Schweiz. Später lebte er in Frankreich, wo er 1938 starb. Sein Grab auf dem Friedhof Montparnasse in Paris ist erhalten. Seine Frau Else (geb. Glückselig, Heirat 1909) folgte ihm um 1936 nach Frankreich. 1941 wurde ihr die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen. Nach der deutschen Besetzung wurde sie 1943 deportiert und in Auschwitz ermordet. Ihr Name wird auf einem Denkmal für Holocaustopfer in Frankreich genannt. Über weitere Familienangehörige ist bislang nichts bekannt.
Auch zur Geschichte des Hauses – das wohl zeitweise auch dem ebenfalls jüdischen Max Baer (mit Wohnsitz in Westend) gehörte – konnten noch nicht alle Informationen zusammengetragen werden. Auch dieser Name kommt mehrfach vor. Es gibt mindestens zwei Träger dieses Namens, die im Holocaust ermordet wurden. Der Max Baer mit Bezug zu Frohnau scheint überlebt zu haben. Er wird 1940 in US-Volkszählungsunterlagen als aus Berlin stammender Fotograf erwähnt und betrieb 1943 in „66 Fort Washington Avenue, New York“ im durch jüdische Emigranten geprägten Viertel „Washington Heights, Manhattan“ gemäß einer Anzeige in der deutschsprachigen Zeitung „Aufbau“ der jüdischen Emigranten ein Fotostudio für „künstlerische Portraits und Kinder-Aufnahmen“. 1948 stellte dieser Max Baer in Bezug auf den Ludolfingerweg 40/42 Wiedergutmachungsansprüche.
Ein korrigierter Stolperstein in Frohnau, der an das Schicksal von Rudolf und Else Herzfeld erinnert, wäre mehr als angemessen. Der Bürgerverein unterstützt die Finanzierung gerne über die Reinickendorfer Stolpersteininitiative.
Das Haus Rudolphson
Die Baureihe auf der Südseite der Grünanlage ist besser erhalten als die Bauten auf der Nordseite. Aus Anlass des Jubiläumsjahres der 150. Wiederkehr der Geburtstage der Baumeister Paul Poser und Heinrich Straumer rückt dabei vor allem das Haus Rudolphson in den Blickwinkel.

Die Geschichte der Familie wurde schon mehrfach beschrieben (Poser 2010, Granzin 2023), deshalb hier nur in Kurzform:
Der Arzt Dr. Gustav Rudolphson war einer der ersten Bewohner der Gartenstadt. Im Jahre 1911 kaufte er das Grundstück des heutigen Ludolfingerwegs 35 (damals Franziskaner Weg) und ließ vom Architekten Heinrich Straumer ein Landhaus errichten, das heute unter Denkmalschutz steht.
Hier betrieb Dr. Rudolphson auch seine Praxis, eine der ersten in Frohnau. Im Ersten Weltkrieg diente er als Stabsarzt an der Westfront. Am 11. April 1916 starb er an einer Blutvergiftung, die er sich bei seiner Arbeit im Lazarett von Douai zugezogen hatte. Interessanterweise wurde er – der Arzt im Offiziersrang - nicht vor Ort auf einem Soldatenfriedhof bestattet, sondern nach Frohnau überführt und hier in der noch heute existierenden Grabstätte auf dem Friedhof in der Hainbuchenstrasse beigesetzt.

Sein Name wurde auch auf dem Frohnauer Gefallenendenkmal (Architekt Paul Poser) vo
n 1922 in der Wiltinger Straße verewigt. Den Nationalsozialisten scheint später nicht aufgefallen zu sein, dass hier einem Gefallenen aus einer jüdischen Familie gedacht wurde, so dass die Beschriftung bis heute erhalten ist.

Sein Sohn Ernst war ebenfalls Kriegsteilnehmer (ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz). Er wurde nach 1918 ein bekannter Tierarzt mit Praxis im Franziskaner Weg und war in Frohnau während der Weimarer Zeit in Vereinen aktiv. Ihm gelang nach 1933 die Emigration ins britische Mandatsgebiet Palästina. Er starb in hohem Alter 1992 in Jerusalem. Sein Bruder Wilhelm konnte nach Chile emigrieren und gelangte später auch nach Israel, wo er um 1976 in Haifa starb. Es wird berichtet, dass noch lange Angehörige der Familie Rudolphson aus Israel das Frohnauer Grab von Gustav Rudolphson besuchten.
Die Schwester Margarete Rudolphson floh nach London, beging dort aber 1941 Selbstmord – leider kein seltenes Phänomen unter traumatisierten jüdischen Flüchtlingen. Die Frau von Gustav und Mutter von Ernst, Wilhelm und Margarete, Johanna Rudolphson, musste das Haus im Ludolfingerweg im Zuge der Arisierung für einen geringen Preis veräußern. Sie wurde 1943 nach Theresienstadt deportiert und 1944 in Auschwitz ermordet. Stolpersteine im Ludolfingerweg erinnern an Margarete und Johanna. Die im Landesarchiv Berlin liegenden Wiedergutmachungsakten für das Grundstück Ludolfingerweg wurden noch nicht gesichtet
Wäre es nicht denkbar, neben den Stolpersteinen auch die gesamte namenlose Grünfläche der Familie Rudolphson zu widmen?
Quellen zur Familie Rudolphson:
Klaus Pegler: Dr. Gustav Rudolphson, Kriegsopfer 1916, in: Peter Jochen Winters (Hg.), 100 Jahre Gartenstadt Frohnau. Ein Berliner Ortsteil eigener Art, Berlin 2010, S. 204-205.
Bernd Granzin: Dr. R. 2 Trouvalien zur Ortsgeschichte der Region Hermsdorf/Frohnau, Berlin 2023 (unveröffentlichtes Manuskript. Archiv Bürgerverein)
Quellen zur Familie Herzfeld:
Jüdisches Berliner Adressbuch für Gross-Berlin, Ausgabe 1931/32
Arrestbefehl, Pfändungsbeschluß und Vermögensbeschlagnahme in: Reichs- und Staatsanzeiger Nr. 28 vom 2. Februar 1934, S. 2.
Hochzeitsurkunde Else und Rudolf Herzfeld 15. April 1909, Hochzeitsregister Deutschland
Datensätze in www.ancestryinstitution.de zur Familien Herzfeld und Glückselig
Landesarchiv Berlin (diverse Akten)
https://en.geneanet.org/cemetery/view/12890452 (Friedhof Paris)
Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945 Bundesarchiv: Herzfeld, Else, geb. Glückselig geboren am 15. Juni 1877 in Breslau/Schlesien





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