top of page

Verlorene Bauten von Paul Poser und Heinrich Straumer in Frohnau

cb
9. Aug.
14 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 11. Aug.

Carsten Benke


Der Kunstkritiker Karl Scheffler bemerkte bereits 1910, Berlin sei „dazu verdammt, immerfort zu werden und niemals zu sein“[1]. Die Geschichte der Hauptstadt mit ihren zahllosen Abrissen, Kriegszerstörungen, der Teilung, der Kahlschlagsanierung und den immer neuen Phasen von Wiederaufbau und Umgestaltung scheint diese Einschätzung zu bestätigen.

Für Frohnau gilt diese Beobachtung jedoch nur eingeschränkt. Die Gartenstadt präsentiert sich bis heute als weitgehend geschlossenes städtebauliches Ensemble. Die auf Grundlage des Bebauungsplans von 1910 entstandenen Straßenräume, Plätze und Landhäuser vermitteln den Eindruck einer nahezu unversehrten Siedlungsanlage. Kontinuität dominiert: Viele der prägenden Bauten aus der Gründungszeit sind erhalten geblieben und machen Frohnau zu einem der geschlossensten Vorortquartiere Berlins.


Gleichwohl blieb auch Frohnau nicht von Verlusten verschont. Kriegseinwirkungen, Brände, Umbauten und Abrisse haben im Laufe der Jahrzehnte eine Reihe bedeutender Gebäude verschwinden lassen.


Im Jubiläumsjahr anlässlich der 150. Geburtstage der beiden Frohnau prägenden Architekten Heinrich Straumer und Paul Poser konnten zahlreiche ihrer erhaltenen Bauwerke in Texten, Führungen und durch QR-Tafeln vorgestellt werden. Weniger bekannt sind hingegen jene Gebäude, die nicht mehr existieren oder deren ursprüngliche Gestalt nur noch fragmentarisch überliefert ist.


Zu diesen verlorenen Bauten zählen einige der bedeutendsten Werke Straumers und Posers. Manche sind durch historische Fotografien und die heimatkundliche Literatur weiterhin im kollektiven Gedächtnis präsent, andere sind nahezu vollständig in Vergessenheit geraten. Der Blick auf die verlorenen Bauten ergänzt das vertraute Bild der Gartenstadt um eine oft übersehene Seite ihrer Geschichte.


Verbrannt: Die Feuerwache von Heinrich Straumer


Die erste Frohnauer Feuerwache an der Remstaler Straße zählt zu den frühesten Funktionsbauten der Gartenstadt. Sie wurde 1910/11 nach Plänen von Heinrich Straumer im Auftrag der Berliner Terrain-Centrale des Fürsten Donnersmarck errichtet. Der langgestreckte Holzbau mit Reetdach und markantem Steigeturm beherbergte die 1910 gegründete Freiwillige Feuerwehr. Im hallenartigen Erdgeschoss waren die Fahrzeuge und Geräte untergebracht, die für den Brandschutz der entstehenden Siedlung benötigt wurden. Die Freiwillige Feuerwehr besteht bis heute und ist damit die älteste kontinuierlich tätige Institution Frohnaus.


Die Feuerwache lag in unmittelbarer Nähe weiterer zentraler Einrichtungen der Berliner Terrain-Centrale (B.T.C.), darunter das Forsthaus, der Gutshof sowie das Remisen- und Arbeiterwohnhaus. Gemeinsam bildeten sie ein heute weitgehend vergessenes Ensemble früher Funktionsbauten der jungen Gartenstadt.


Im November 1941 wurde das Gebäude durch einen Brand zerstört, der vermutlich durch einen überhitzten Ofen ausgelöst worden war. Bereits 1942 erfolgte ein Wiederaufbau auf den erhaltenen Grundmauern, jedoch in deutlich vereinfachter Form. Auf den charakteristischen Turm wurde verzichtet, sodass Straumers ursprünglicher Entwurf nur noch eingeschränkt nachvollziehbar ist. Originale Bausubstanz dürfte sich kaum noch im heutigen Bau befinden.


Die Nutzung als Feuerwache endete 2024 mit dem Umzug der Feuerwehr in die neue Wache an der Senheimer Straße. Die Zukunft des Gebäudes ist unklar; im Bebauungsplan ist das Grundstück weiterhin als Gemeinbedarfsfläche ausgewiesen.

 

Verbrannt: Die Brücke am Umspannwerk von Heinrich Straumer


Der heute als „Transformator“ bekannte Bau am östlichen Rand der Gartenstadt Frohnau am Fürstendamm gehört zu ihren ältesten erhaltenen Gebäuden. Er wurde vermutlich bereits 1907/08 – nach anderen Angaben 1911/12 – als Umspannwerk errichtet, um die damals geplante Gartenstadt über eine Überlandleitung mit Elektrizität zu versorgen. Der Architekt Heinrich Straumer verlieh dem technischen Zweckbau eine burgartige Fassadengestaltung, die dem Gebäude eine repräsentative Wirkung verlieh.


In den Komplex war ursprünglich eine schindelgedeckte hölzerne Fußgängerbrücke integriert, die eine durchgehende Wegeführung über die Hügelkette an der Grenze zu Glienicke ermöglichte. Brücke und Umspannwerk bildeten gemeinsam einen markanten Ortseingang von der historischen preußischen Chaussee (heutige Bundesstraße 96) in die neu entstehende Ortsmitte Frohnaus. Die Gestaltung der Brücke erinnerte an traditionelle, holzüberdachte Flussübergänge in Süddeutschland und der Schweiz sowie an sächsische und thüringische Dachbrücken.

1919 wurde im Transformatorenhaus nach einem Entwurf von Paul Poser eine Wohnung eingebaut. Ein Brand zerstörte 1944 die Brücke, die später nicht wieder aufgebaut wurde. Auch das Umspannwerk selbst erlitt schwere Schäden und wurde anschließend nur vereinfacht wiederhergestellt.


Nach langem Leerstand erfolgte zwischen 2012 und 2016 der gestalterisch ambitionierte Umbau zu einer Veranstaltungsstätte mit integrierter Wohnung und Gästeappartements. Heute finden dort regelmäßig Konzerte, Lesungen und andere kulturelle Veranstaltungen statt. Das Gebäude steht nicht unter Denkmalschutz, jedoch erinnert eine Informationstafel an seine ursprüngliche Funktion und an den Baumeister Straumer.

 

Kriegszerstört: Das Doppelwohnhaus Kleffner-Kreideweiss


Frohnau blieb im Zweiten Weltkrieg zwar von flächenhaften Zerstörungen verschont, doch einzelne Bombentreffer und die Kämpfe während der Schlacht um Berlin führten zu schmerzlichen Verlusten. Besonders gravierend war die Zerstörung des Kasinogebäudes von Gustav Hart und Alfred Lesser, an dessen mehrfachen Umbauten Paul Poser beteiligt gewesen war. Es brannte im April 1945 beim Einmarsch der Roten Armee vollständig nieder.

Auch mehrere Bauten Heinrich Straumers wurden durch Bomben beschädigt oder zerstört. Ob es sich dabei um ungezielte Notabwürfe alliierter Flugzeuge auf dem Rückflug handelte oder ob einzelne militärische Ziele im Berliner Norden – etwa Flakbeobachtungsposten, Flakstellungen oder Bahnanlagen – gezielt anvisiert wurden, lässt sich heute nicht eindeutig klären.


Ein besonders bedauerlicher Verlust war das Landhaus Kleffner-Kreideweiss in der Mehringer Straße 9/11, eines der ungewöhnlichsten Wohnhäuser Heinrich Straumers in Frohnau aus dem Jahr 1911.

Als Doppelhaus stellte es eine architektonische Besonderheit dar: Die beiden Bauherren – der Kupferstecher Wilhelm Kleffner und der Rechnungsrat Kreideweiss – beauftragten Straumer gemeinsam mit einem symmetrisch wirkenden, aber funktional getrennten Bau. Kleffner bewohnte den größeren linken Teil mit zwei Giebeln, Kreideweiss den rechts vorgelagerten Gebäudeteil.


Nach außen wirkte das Haus wie ein großzügiges Einfamilienhaus mit durchgehender Fassade. Die seitlich angeordneten Eingangstüren traten kaum in Erscheinung. Bemerkenswert war die moderne, vollständig schmucklose Fassadengestaltung – eine bewusste Reduzierung der sonst oft heimatstilnahen, handwerklich betonten Details Straumers.


Das Landhaus wurde im Krieg durch eine Luftmine zerstört. Nach mündlicher Überlieferung soll die Mine ursprünglich für Flakstellungen am Berliner Stadtrand bestimmt gewesen sein; das Flugzeug habe sie auf dem Rückflug abgeworfen, um Gewicht zu sparen. Der Treffer gilt als besonders tragisch, da sich im Haus angeblich eine Hochzeitsgesellschaft aufhielt. Es soll mehrere Todesopfer gegeben haben, und die Explosion richtete erhebliche Schäden in der Umgebung an.

 

Auf dem Grundstück entstanden später drei voneinander unabhängige Neubauten; zwei davon auf dem ursprünglichen Grundstück, ein weiterer auf einem Hammergrundstück. Der ursprüngliche Bau Straumers ist vollständig verloren.


Kriegszerstört: Das Haus Prof. Hartmann


Am Maximiliankorso, nahe der Ecke zum Ludolfingerweg, unmittelbar neben dem bis heute erhaltenen „Landhaus Prof. Hesse“ von Straumer, stand ursprünglich ein weiterer Bau des Architekten: das „Landhaus Prof. Hartmann“ von 1911/12. Beide Gebäude bildeten ein kleines Ensemble früher Frohnauer Reformarchitektur. 

Die erhaltenen Abbildungen des Hauses Prof. Hartmann zeigen die typischen Merkmale von Straumers Frühwerk: ein hohes Satteldach, verputzte Wandflächen, kleinteilige Sprossenfenster, die bündig in der Fassade lagen, und eine plastische, harmonisch proportionierte Baukörpergestaltung. Diese Elemente entsprechen genau jenen Gestaltungsprinzipien, die Straumer in zahlreichen Frohnauer Landhäusern verwendete. Die zeitgenössische Fachliteratur lobte die „Raumkomposition“ des Hauses. Eine Besonderheit ist der markante Gartenzugang unter einem vorkragenden, verbretterten Giebel.


Das Haus Hartmann verblieb nicht lange im Besitz der Familie Hartmann. Über mindestens eine Zwischenstation gelangte es in das Eigentum einer noch heute in Frohnau ansässigen Familie. Diese berichtet, dass das Haus im August 1944 durch einen Bombentreffer zerstört wurde. Die Großmutter der Familie kam dabei um. 1953 wurde die Ruine in stark veränderter und verkleinerter Form wiederaufgebaut. Nach 1990 wurde  an dieser Stelle eine größere „Stadtvilla“ errichtet, die keine Bezüge mehr zum ursprünglichen Entwurf Straumers aufweist.

 

Abgerissen: Das Wirtschaftsgebäude des Kasinos von Paul Poser


Schon zu Beginn der Entwicklung Frohnaus ließ die Berliner Terrain-Centrale (B.T.C.) als Ergänzung zum Kasinobau von Hart & Lesser einen umfangreichen Wirtschaftshof nahe dem Bahnhofsplatz an der heutigen Welfenallee (damals Barbarossakorso) errichten. Die von Paul Poser entworfene Anlage bestand aus sechs Flügeln, die sich um einen großen Innenhof gruppierten und eine Vielzahl von Funktionen vereinten: Pferdeställe, Werkstätten, Wäschereien, Kegelbahnen, ein Eishaus sowie Wagenremisen. Im sogenannten „Tattersall“ befanden sich Boxen für rund 40 Pferde – ein Hinweis auf die Bedeutung des Reit- und Jagdwesens in der frühen Gartenstadt.

Eindrucksvoll dokumentieren die erhaltenen Fotografien des Jägerhofs, wie sorgfältig Poser diesen Funktionskomplex gestaltete. Die Gebäude besaßen steile, weit heruntergezogene Dächer, zahlreiche Gauben, unregelmäßig gegliederte Baukörper und sprossengeteilte Fenster. Der Innenhof wurde durch einen großen Baum geprägt, der die ländliche Anmutung noch verstärkte. Besonders charakteristisch war der große Torbogen zur damaligen Barbarossaallee, der den Wirtschaftshof zugleich als repräsentativen Zugang markierte. Die erhaltenen Fotografien belegen die intensive Nutzung: Pferde, Kutschen, Stallpersonal und Jagdgesellschaften vermitteln ein lebendiges Bild des Alltags in der jungen Gartenstadt.

Zeitgenössische Fachzeitschriften würdigten den Jägerhof mehrfach. Die Kombination aus rauem Spritzputz, handwerklich betonten Details und dekorativen Elementen wie Reh- und Hirschgeweihen verlieh dem Bau einen unverwechselbaren Charakter.


Nach dem Ersten Weltkrieg wurden Teile der Anlage gewerblich genutzt und durch Geschäfte ergänzt. Trotz seines weitgehend original erhaltenen Zustands wurde der Jägerhof 1969/70 abgerissen. Die Entscheidung von Investor, Bezirksplanung und Senatsverwaltung erscheint aus heutiger Sicht kaum noch nachvollziehbar. Für einen großmaßstäblichen Neubaukomplex – teilweise als „Welfenhof“ bezeichnet – wurde eines der bemerkenswertesten Gebäude der frühen Gartenstadt geopfert. Bezeichnend ist eine damalige Stellungnahme der Verwaltung: „Die Bereinigung des Grundstücks ist in städtebaulicher Hinsicht erwünscht. Das neue Projekt fügt sich in die Umgebung einwandfrei ein.“ Das mag man heute anders beurteilen.

Der hintere Gebäudeteil des Neubaukomplexes besteht bis heute und zeigt die spröde Betonästhetik der späten 1960er und frühen 1970er-Jahre. Im Erdgeschoss befanden sich zunächst Supermärkte, später eine Bankfiliale. Der eingeschossige Vorbau wurde in den 1990er‑Jahren umgestaltet und aufgestockt, wodurch er sich heute besser in die Umgebung einfügt. Besonders beliebt ist inzwischen der dort ansässige Eisladen. Dass an diesem Ort einst zahlreiche Pferde untergebracht waren und der Jägerhof zu den charakteristischsten Bauten des alten Frohnau gehörte, wissen heute nur noch wenige.

 

Abgerissen: Das Forsthaus – Direktorenhaus der Berliner Terrain-Centrale


Noch stärker als andere verlorene Bauten aus der Frühzeit Frohnaus ist das sogenannte Forsthaus in Vergessenheit geraten. Der von Heinrich Straumer entworfene Bau am Kaiserpark (heute Edelhofdamm 53-55, ) diente als Wohnsitz des Direktors der Berliner Terrain-Centrale (B.T.C.) und wurde zugleich für Verwaltungsaufgaben genutzt. Errichtet 1909/10, war er vermutlich das erste größere fertiggestellte Gebäude der jungen Gartenstadt und gehörte zum Ensemble der frühen Funktionsbauten nahe der Remstaler Straße.

Die historischen Fotografien des Forsthauses zeigen, dass Straumer hier  bereits jene Formensprache nutzte, die seine späteren Frohnauer Landhäuser prägen sollte – allerdings in deutlich repräsentativerer und großzügigerer Ausführung. Besonders prägend waren das große Satteldach, die holzverkleideten Giebel, die kleinteiligen Sprossenfenster und die Rankgitter. Die erhaltenen Aufnahmen belegen die handwerkliche Qualität der Ausführung: die präzise gearbeiteten Fensterläden, die bündig in die Fassade eingesetzten Fenster sowie die feinen Holzdetails an Giebeln und Dachüberständen. Der Putz besaß – wie zeitgenössische Quellen berichten – einen kalkig-grünen Farbton.

Das Innere des Hauses war großzügig und aufwendig ausgestattet. Als Sitz der „Direktion der Gartenstadt Frohnau“ verfügte es über repräsentative Räume, in denen zentrale Entscheidungen zur Planung und Entwicklung des Ortsteils getroffen wurden. Zum weitläufigen Grundstück gehörte auch ein Tennisplatz. Das Gebäude umfasste zwei Etagenwohnungen sowie Wirtschafts- und Personalräume; im niedrigen Seitenflügel des Erdgeschosses befanden sich eine Eingangshalle und ein Amtszimmer.

Besonders interessant ist der im Vorgarten an der Einfriedung befindliche Gartenpavillon. Seine barockisierenden Formen, die geschwungene Dachsilhouette und die dekorativen Elemente erinnern eher an die Formensprache Paul Posers als an Straumers strengere Landhausarchitektur. Da Poser zeitweise am Entwurf des Ensembles beteiligt war, ist eine Mitwirkung an diesem Pavillon durchaus denkbar, wenn auch nicht eindeutig belegt.

Nach der Eingemeindung von Frohnau nach Groß-Berlin 1920 verkaufte die B.T.C. das Anwesen.


In den folgenden Jahrzehnten wurde der Bau unterschiedlich genutzt, unter anderem als Polizeidienststelle und Kinderheim. Ab 1965 befand sich dort ein Altersheim des Landes Berlin mit neun Wohneinheiten. Dennoch wurde das Haus nicht dauerhaft erhalten: In den 1970er Jahren – vermutlich erst 1979 – wurde das einstige Direktorenhaus der Berliner Terrain-Centrale zugunsten eines neuen Mehrfamilienhauses abgerissen. Es ist erstaunlich, dass zu diesem späten Zeitpunkt noch der Abriss eines so bedeutenden Baus genehmigt wurde. Mit dem Verlust des Forsthauses verschwand eines der historisch wichtigsten Gebäude der frühen Gartenstadt – jener Ort, an dem die Entwicklung Frohnaus über viele Jahre maßgeblich geplant und gelenkt worden war.


Abgerissen: Verlorene Landhäuser


Neben den großen Funktionsbauten gingen in Frohnau auch zahlreiche Landhäuser verloren. Mehrere Villen und Wohnhäuser der beiden Architekten Paul Poser und Heinrich Straumer wurden noch bis in die 1970er- und 1980er-Jahre abgebrochen. Damit verschwanden wichtige Zeugnisse der frühen Gartenstadtarchitektur, die einst das charakteristische Erscheinungsbild Frohnaus bestimmten.

Ein eindrucksvolles Beispiel für diesen Verlust war das große Landhaus Zander an der Ecke Fürstendamm / Walporzheimer Straße, ein repräsentativer, auf einer Anhöhe gelegener Bau von Paul Poser aus den Jahren 1910/11. Das Haus besaß ein mächtiges Satteldach mit verbrettertem Giebel, Sprossenfenstern mit hölzernen Fensterläden, eine Auslucht und eine sorgfältig proportionierte Fassadengestaltung. Dennoch fiel das Gebäude 1981/82 einer großmaßstäblichen Neubebauung mit insgesamt zehn Hausteilen zum Opfer, die teils als Doppelhäuser, teils als Hausgruppe errichtet wurden.[2]

Verändert: Das ehemalige Landhaus von Paul Poser an der Welfenallee


Einen Sonderfall stellt das Landhaus von Paul Poser an der Welfenallee dar, das 1922/23 errichtet wurde. Anders als viele andere Bauten wurde es nicht vollständig abgerissen, sondern in den 1968/69 entstandenen Gebäudekomplex des heutigen Seniorenheims integriert. Dadurch blieb zwar ein Teil der historischen Bausubstanz erhalten, das ursprüngliche Erscheinungsbild wurde jedoch weitgehend überformt. Wer genauer hinsieht, kann noch einzelne Spuren des ursprünglichen Landhauses erkennen – insbesondere charakteristische Fensterformen und die Proportionen der Fassade, die sich von der späteren Ergänzungsbebauung unterscheiden. Dachform und Fassadengestaltung wurden jedoch vollständig verändert. Das einst freistehende Landhaus ist heute nur noch als bauliches Fragment innerhalb eines größeren Komplexes wahrnehmbar. 

Über viele Jahre befand sich im Souterrain die bei Frohnauerinnen und Frohnauern beliebte Gaststätte „Welfenstube“. Sie war ein bekannter Treffpunkt im Ortsteil und trug dazu bei, dass das Gebäude trotz seiner baulichen Veränderungen im kollektiven Gedächtnis präsent blieb.


Das Beispiel zeigt, dass der Verlust historischer Bauten nicht immer durch vollständigen Abriss erfolgt. Mitunter bleiben Teile der Gebäude erhalten, werden jedoch so stark verändert und in Neubauten integriert, dass ihre ursprüngliche architektonische Qualität und städtebauliche Bedeutung kaum noch erkennbar sind. Das ehemalige Poser-Landhaus gehört zu diesen stillen Zeugen der frühen Gartenstadt Frohnau – Relikte, die nur bei genauer Betrachtung an die Anfänge des Ortsteils erinnern.


Verändert: Der Gutshof der Berliner Terrain-Centrale


In unmittelbarer Nähe des Forsthauses und der Feuerwache befand sich an der Remstaler Straße der Gutshof der Berliner Terrain-Centrale (B.T.C.), ebenfalls ein Entwurf von Heinrich Straumer. Der Bau diente der Unterbringung von Geräten, Fuhrwerken und Pferden, die für die Erschließung und den Betrieb der jungen Gartenstadt benötigt wurden.

Die Anlage bestand aus drei Gebäudeteilen: einem quadratischen Kernbau, einem vorgelagerten Stallgebäude sowie offenen Wagenschuppen. Gemeinsam bildeten sie einen funktionalen Wirtschaftshof, der für die Entwicklung Frohnaus in den ersten Jahren von großer Bedeutung war. Zusammen mit dem benachbarten Forsthaus, der Feuerwache und dem Arbeiterwohnhaus gehörte der Gutshof zu den zentralen Betriebsgebäuden der B.T.C.


Mit der Eingemeindung Frohnaus nach Groß-Berlin im Jahr 1920 verlor die Berliner Terrain-Centrale zunehmend ihre ursprünglichen Aufgaben. Der Gutshof wurde 1922/23 aufgelöst und an private Eigentümer verkauft. In den Jahren 1933/34 erfolgte ein grundlegender Umbau zu Wohnzwecken durch die in Frohnau vielfach tätigen Architektenbrüder Krüger.

Der Bau ist im Kern noch erhalten, hat jedoch sein einstmaliges Erscheinungsbild weitgehend verloren. Die Fassaden wurden im Laufe der Jahrzehnte mehrfach verändert und lassen die Herkunft als Wirtschaftsgebäude nur noch eingeschränkt erkennen. Auch ein denkmalrechtlicher Schutz besteht nicht mehr. Dennoch sind bei genauer Betrachtung noch wesentliche Grundstrukturen des Straumer-Entwurfs ablesbar. Insbesondere die Kubatur des Gebäudes und die Anordnung der Baukörper vermitteln weiterhin einen Eindruck von der einstigen Gestalt des Gutshofs.


Der Bau gehört damit zu jener Gruppe von Frohnauer Gebäuden, die weder vollständig verloren noch unverändert erhalten geblieben sind. Er zeigt beispielhaft, wie sich die Anforderungen an die Gebäude der Gartenstadt im Laufe des 20. Jahrhunderts wandelten und wie ehemalige Funktionsbauten durch Umbauten neue Nutzungen erhielten.


Versetzt: Verkaufspavillon von Paul Poser


Zu den frühen Bauten Posers gehören kleinere, funktional bedeutende Gebäude wie der Auskunftspavillon am nördlichen Ortseingang. Hier erhielten Interessenten Informationen zur Gartenstadt. Das Gebäude blieb über Jahrzehnte erhalten, obwohl es lange ungenutzt im Wald stand. Im Jahr 2002 wurde der Pavillon auf das Gelände des nahegelegenen Künstlerhofs Frohnau umgesetzt und damit gesichert.


Gerettet: Die Villa Wutke


Ein breiteres Bewusstsein für den Wert historischer Bausubstanz entwickelte sich in Deutschland erst in den 1970er Jahren. Einen wichtigen Impuls setzte das Europäische Denkmalschutzjahr 1975. Auch in Berlin führte dies allmählich zu einem Umdenken: Die bis dahin verbreitete Praxis, ältere Gebäude bewusst kulturell abzuwerten und zugunsten vermeintlich moderner Neubauten abzureißen, wurde zunehmend kritisch hinterfragt. Bis der Wandel überall in der Realität angekommen war, sollte es aber noch bis weit in die 1980er-Jahre dauern.


Die Villa Wutke am Ludolfingerplatz zählt zu den repräsentativsten Landhäusern der Gartenstadt. Sie wurde 1924/25 nach Entwürfen von Paul Poser für den bekannten Berliner Juwelier Karl Wutke errichtet.

Architektonisch zeigt die Villa Wutke eine für die 1920er Jahre ungewöhnlich repräsentative, neobarock geprägte Gestaltung, die sich deutlich von der Mehrzahl der vor und nach 1918 entstandenen Frohnauer Landhäuser abhebt. Im Berliner Südwesten findet sich dieses Phänomen, des Rückgriffes auf Neostile auf Wunsch wohlhabender bürgerlicher Bauherren in den 1920er Jahren häufiger. Z.B. bei der ebenfalls Motive des Schlosses Sanssouci aufgreifend Villa Konschewski von Oskar Kauffmann in Grunewald. Mit dem ebenfalls neobarocken Bau der Atlantic‑Gesellschaft am Sigismundkorso und der Villa Worch mit ihrer klassizistischen Straßenfassade gibt es auch in Frohnau einzelne Beispiele dieser Architektursprache aus dem Werk von Paul Poser.

Das zweigeschossige Gebäude mit ausgebautem Mansardwalmdach ist auf einem rechteckigen Grundriss errichtet, aus dem auf allen Seiten Erker und Vorbauten hervortreten. Die symmetrisch gegliederte Straßenfassade mit ihrem dreiachsigen Vorbau (Mittelrisalit), der ovale Verandavorbau auf der Gartenseite, die polygonalen Erker und der eingeschossige Küchenflügel verleihen dem Bau eine plastische, vielschichtige Erscheinung. Die Denkmalakte betont den „Zusammenhang von innerer Raumbildung und äußerer Baukörperausbildung“, der für Posers Werk charakteristisch ist. Die amtliche Denkmalbegründung hebt hervor, dass das Haus „wegen seiner geschichtlichen und künstlerischen Bedeutung und wegen seiner Bedeutung für das Stadtbild denkmalwert“ ist.

Besondere Beachtung verdienen die figürlichen Reliefs an der Fassade. Auf der Gartenseite befinden sich weibliche Figuren, die traditionell als Allegorien häuslicher Tugenden gedeutet wurden. Eine verbreitete Interpretation besagt, sie stünden zugleich für die vier Töchter der Familie Wutke. Nachfahren der Familie haben diese Deutung jedoch teilweise in Frage gestellt. Eindeutig sind hingegen die Bezüge der Figuren auf der Platzseite: Sie halten Uhren und Schmuck in den Händen und verweisen damit direkt auf die Tätigkeit des Bauherrn als Juwelier.


Im Inneren verfügte das Haus über eine klassisch gegliederte Raumfolge aus Wohn-, Ess- und Herrenzimmer, erweitert um eine ovale Veranda, die sich zur Gartenterrasse öffnete. Die erhaltenen Einbauten – Täfelungen, Balkendecken, Kamin, Einbauschränke – unterstreichen die hohe handwerkliche Qualität.


Noch in den 1980er-Jahren war der Erhalt des Hauses akut gefährdet. Die Erben der Familie Wutke wollten das Grundstück veräußern, und zeitweise bestand Interesse einer Supermarktkette an einem Abriss und einer Neubebauung. Die Pläne lösten erhebliche Proteste in Frohnau aus und fanden 1986 sogar Widerhall im Berliner Abgeordnetenhaus. Viele Frohnauerinnen und Frohnauer sahen in der Villa eines der Wahrzeichen der Gartenstadt und wollten ihren Verlust nicht hinnehmen.


Die Rettung gelang schließlich: 1987/88 wurde die damals bereits stark vernachlässigte Villa durch die Lichtwer Pharma AG erworben. Unternehmensgründer Kuno Lichtwer ließ sie denkmalgerecht restaurieren und richtete dort den Firmensitz ein. Die Sanierung gilt bis heute als vorbildlich und wurde 1992 mit dem Berliner „Bauherrenpreis für hervorragende Pflege des Stadtbildes“ ausgezeichnet. Der ehemals ausgedehnte Gartenbereich ist heute deutlich verkleinert und die abgetrennten Grundstücksteile sind mit weiteren Häusern bebaut.

Die Geschichte der Villa Wutke markiert einen Wendepunkt im Umgang mit dem architektonischen Erbe Frohnaus. Während in den Jahrzehnten zuvor zahlreiche bedeutende Gebäude verloren gingen, zeigte ihr Erhalt erstmals deutlich, dass historische Bauten nicht als Hindernis, sondern als wertvoller Bestandteil der Identität der Gartenstadt verstanden werden können. Heute gehört die Villa zu den bedeutendsten erhaltenen Werken Paul Posers und zu den architektonischen Wahrzeichen Frohnaus.


Gerettet: Landhaus Sperlingsheim


Nur knapp konnte auch das Landhaus Sperlingsheim im Ludolfingerweg gerettet werden. Das Sperlingsheim gehört zu den größten und repräsentativsten Wohnhäusern, die der Architekt Heinrich Straumer in der jungen Gartenstadt Frohnau entwarf. Es entstand 1911 als privates Wohnhaus für den Berliner Fabrikanten Oskar Sperling und war von Anfang an auf ein großbürgerliches Leben ausgerichtet. Auf dem weiten Grundstück entwickelte Straumer ein Haus, das Wohnen und gesellschaftliche Repräsentation miteinander verband.

Der Verwertungsabsicht eines späteren Eigentümers in den 1970er Jahren kamen die Behörden mit der Erlaubnis der Bebauung mit insgesamt fünf Reihenhäusern im hinteren Grundstücksbereich entgegen, um den Abriss dieses einmaligen Baus zu verhindern. Heute steht der Bau unter Denkmalschutz. Er ist in mehrere Eigentumswohnungen eingeteilt, was die prinzipielle Flexibilität von Grundrisskonzeptionen des Kaiserreichs unterstreicht, die ursprünglich für ganz andere Familienstrukturen entworfen wurden.

 

Schluss


Die vorangegangenen Beispiele haben gezeigt, dass zahlreiche Bauten der beiden Architekten verloren gegangen sind und bis heute schmerzliche Leerstellen im Ortsbild der Gartenstadt hinterlassen haben. Im Hinblick auf den Erhalt gab es sowohl gute als auch fragwürdige Lösungen.

Auch Bauten von Hart & Lesser, Stahl-Urach und vieler anderer Architekten sind verschwunden. Nicht jeder Abriss mit folgender Neubebauung war ein Verlust. Viele Einfachbauten der 1950er und 1960er-Jahre sind inzwischen erfolgreich durch maßstäbliche Gebäude ersetzt worden, die dem Ortsbild der Gartenstadt zugutekommen. Dem letztlich überschaubaren Bestand ortsbildprägender Bauten der 1910er bis 1930er Jahre sollten wir jedoch besondere Aufmerksamkeit widmen.


Auch für die Zukunft bleibt die Wahrung des historischen Erbes der Gartenstadt durch die Instrumente des Denkmalschutzes und der Erhaltungsverordnung eine wichtige Aufgabe. Die verträgliche Abwägung dieses gesamtgesellschaftlichen Anliegens mit den Erfordernissen der Wirtschaftlichkeit, der energetischen Sanierung und den legitimen Nutzungsansprüchen von Eigentümerinnen und Eigentümern bleibt eine wichtige Herausforderung. Keine kulturhistorisch wichtige Hinterlassenschaft ist leichtfertig aufzugeben. Es mag wenige Einzelfälle geben, wo ein Bauwerk aus bautechnischen Gründen nicht erhaltbar ist. Meist sollten sich aber tragfähige Lösungen finden lassen. Frühzeitige Kommunikation, schnelle Verfahren, Planungssicherheit und beiderseitige Kompromissfähigkeit in Einzelfragen sind dafür die Grundlage, um die Gartenstadt in ihrer Einmaligkeit zu erhalten und gleichzeitig zukunftsfähig zu gestalten.

 

 

Bildquellen:

Forsthaus: Deutsche Kunst und Dekoration 1910/11, S. 35

Forsthaus: Deutsche Kunst und Dekoration 1910/11, S. 37

Forsthaus: Berliner Architekturwelt1912, S. 507.

Gutshof: Berliner Architekturwelt 1912

Jägerhof Moderne Bauformen 1915, S. 479, 480

Auskunftspavillon Moderne Bauformen 1915, S. 493

Feuerwehr Berliner Architekturwelt 1912


Straumer Brücke Fürstendamm aus Fritz Stahl - Neue Werkskunst 192, S. 7

Kleffner Kreideweiss  wasmmofub_14192921_1914_022_00000009


[1] Karl Scheffler, Berlin ein Stadtschicksal, Berlin 1910

[2] Konrad Jörg Müller: Zersiedlung und Ortsbildveränderung in der „Gartenstadt Berlin Frohnau“, S. 545. Hier wird der Bau allerdings Heinrich Straumer zugeordnet, was der Zuordnung in der Berliner Architekturwelt von 1919, S. 28 und 30 widerspricht.


 
 
 

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
Antworten auf Wahlprüfsteine des Bürgervereins

Wahlprüfsteine zur Wahl des Berliner Abgeordnetenhauses und der Bezirksverordnetenversammlung Reinickendorf am 20. September 2026 Der Bürgerverein in der Gartenstadt Frohnau e.V. setzt sich seit viele

 
 
 
Zukunft des Waldhotels

Bericht und Bewertung der Veranstaltung zum Waldhotel am 28.8.2026 Statement des Bürgervereins: Zukunft des Waldhotels – Diskussion versachlichen – alle Seiten zu Wort kommen lassen (Stand 4.8.2026) V

 
 
 

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page